Die Verbindung zwischen Mensch und Tier ist eine der ursprünglichsten und stärksten Beziehungen, die wir kennen. Besonders im Kontext der Kinder- und Jugendhilfe erweist sich diese Beziehung als kraftvolles Werkzeug zur Förderung von emotionaler Entwicklung, sozialer Kompetenz und psychischer Stabilisierung. Im Regenbogenhaus Kriele nimmt die tiergestützte Pädagogik deshalb eine zentrale Rolle ein. Sie ist fester Bestandteil des pädagogischen Konzepts und wird gezielt genutzt, um Kinder mit traumatischen Erfahrungen in ihrer Entwicklung zu begleiten und zu stärken.
Was ist tiergestützte Pädagogik?
Tiergestützte Pädagogik beschreibt den gezielten Einsatz von Tieren in pädagogischen Handlungsfeldern. Im Unterschied zur tiergestützten Therapie, die vorrangig im medizinisch-therapeutischen Bereich Anwendung findet, ist der pädagogische Einsatz von Tieren auf Lern- und Entwicklungsprozesse ausgerichtet. Dabei steht die Beziehung zwischen dem Kind und dem Tier im Mittelpunkt. Diese Beziehung wirkt stabilisierend, motivierend und emotional öffnend – gerade für Kinder, die in ihrer bisherigen Biografie Bindungsabbrüche oder emotionale Vernachlässigung erfahren haben.
Im Regenbogenhaus Kriele wird tiergestützte Pädagogik als integraler Bestandteil des pädagogischen Alltags verstanden. Tiere sind hier nicht „Beiwerk“, sondern aktiver Teil der pädagogischen Arbeit. Sie leben mit den Kindern auf dem Gelände, sind im Alltag präsent und begleiten sie in vielerlei Situationen.
Tiere im Regenbogenhaus Kriele: Wer hier lebt, wirkt mit
Das Regenbogenhaus Kriele ist nicht nur ein Ort für Kinder, sondern auch für Tiere. Hunde, Katzen, Hühner und sogar Pferde gehören zur erweiterten Wohngemeinschaft. Diese Tiere leben nicht isoliert in Ställen oder Gehegen, sondern sind – soweit möglich – Teil des Alltags. Kinder helfen bei der Versorgung, beim Füttern, Säubern und Pflegen. Diese Aufgaben sind nicht nur Mittel zum Zweck, sondern pädagogisch gewollt und sinnvoll eingebettet.
Die Kinder übernehmen Verantwortung und erleben sich dabei als kompetent. Sie spüren die Wirkung ihrer Handlungen und entwickeln ein Gefühl von Selbstwirksamkeit – ein Aspekt, der für die persönliche Entwicklung von zentraler Bedeutung ist. Gleichzeitig entsteht eine emotionale Bindung: Die Tiere sind verlässlich, urteilsfrei und präsent. Gerade traumatisierte Kinder finden in dieser Beziehung oft einen ersten sicheren Hafen.
Emotionale Bindung als Schlüssel zur inneren Stabilität
Kinder, die im Regenbogenhaus Kriele leben, haben häufig keine oder nur wenig stabile Bindungserfahrungen gemacht. Bezugspersonen waren wechselhaft, unzuverlässig oder sogar bedrohlich. Diese frühen Erfahrungen wirken sich tiefgreifend auf das emotionale Erleben aus. Vertrauen fällt schwer, Nähe wird als Gefahr empfunden oder übermäßig eingefordert.
Hier können Tiere eine einzigartige Rolle einnehmen. Sie stellen eine Form von Beziehung her, die frei von Vorbedingungen ist. Ein Hund oder eine Katze stellt keine Fragen, bewertet nicht, droht nicht mit Konsequenzen. Die emotionale Zuwendung ist direkt, unverstellt und konstant. Kinder, die sich Menschen gegenüber verschließen, öffnen sich manchmal überraschend schnell im Kontakt mit einem Tier. Diese emotionale Erfahrung kann der erste Schritt zurück in gelingende Beziehungen sein – ein zentrales Ziel der pädagogischen Arbeit im Regenbogenhaus Kriele.
Struktur und Verantwortung im Alltag durch Tierpflege
Ein weiterer wichtiger Aspekt der tiergestützten Pädagogik ist der strukturierende Effekt, den die Versorgung der Tiere mit sich bringt. Tiere müssen täglich gefüttert, bewegt und gepflegt werden – unabhängig vom Wetter, der eigenen Stimmung oder persönlichen Problemen. Diese Regelmäßigkeit gibt dem Alltag der Kinder im Regenbogenhaus Kriele eine klare Struktur. Gerade für Kinder mit traumatischen Erfahrungen ist diese Form von Verlässlichkeit besonders wichtig.
Die Übernahme von Verantwortung für ein Lebewesen stärkt zudem das Selbstbewusstsein. Die Kinder erleben, dass sie gebraucht werden, dass ihre Handlungen Konsequenzen haben – und dass sie in der Lage sind, für andere zu sorgen. Diese positiven Selbstwirksamkeitserfahrungen bilden einen wichtigen Kontrast zu früheren Erlebnissen von Ohnmacht und Kontrollverlust.
Tiere als Spiegel der eigenen Emotionen
Tiere sind nicht nur Gefährten, sondern auch sensible Beobachter und Reagierer. Besonders Hunde und Pferde haben ein feines Gespür für Stimmungen, Körpersprache und emotionale Signale. Sie spiegeln diese unmittelbar und nonverbal zurück. Ein nervöser Hund zieht sich zurück, ein aufmerksames Pferd reagiert auf kleinste Bewegungen.
Kinder im Regenbogenhaus Kriele lernen auf diese Weise, sich selbst besser wahrzunehmen. Sie erkennen, wie ihre eigene Stimmung auf andere wirkt – und wie sie durch bewusstes Verhalten Einfluss auf die Situation nehmen können. Diese Form der Selbsterkenntnis und Selbstregulation ist ein wichtiger Baustein für psychische Stabilität und soziale Kompetenz.
Integration in pädagogische und therapeutische Prozesse
Im Regenbogenhaus Kriele ist die tiergestützte Pädagogik nicht nur eine Ergänzung zum bestehenden pädagogischen Konzept, sondern integraler Bestandteil. Sie wird eng abgestimmt mit traumapädagogischen Maßnahmen, kunst- oder erlebnispädagogischen Angeboten und der Montessori-Pädagogik. So entsteht ein kohärentes Gesamtkonzept, das sich konsequent an den Bedürfnissen der Kinder orientiert.
Ein Kind, das im Umgang mit einem Hund gelernt hat, Grenzen zu respektieren, kann diese Erfahrung in Gruppensituationen einbringen. Ein anderes Kind, das beim Striegeln eines Pferdes zur Ruhe kommt, kann dieses Gefühl später nutzen, um in Stressmomenten Stabilität zu finden. Die Tiere wirken also nicht isoliert, sondern tragen zu einer ganzheitlichen Förderung bei.
Langfristige Entwicklung durch tiergestützte Beziehungen
Die Wirkung tiergestützter Pädagogik ist nicht nur kurzfristig spürbar, sondern kann langfristige Veränderungen bewirken. Viele Kinder entwickeln durch den regelmäßigen Kontakt mit Tieren ein neues Verhältnis zu sich selbst und ihrer Umwelt. Sie lernen, dass Beziehung auch ohne Angst und Kontrolle möglich ist. Sie erleben Fürsorge – und geben sie weiter.
Diese Erfahrungen prägen die Kinder tief. Auch nach ihrer Zeit im Regenbogenhaus Kriele berichten viele Ehemalige, wie wichtig ihnen der Kontakt zu „ihren“ Tieren war. Die Erinnerung an die erste Katze, die sich vertrauensvoll an sie schmiegte, oder das Gefühl, auf dem Rücken eines Pferdes die Welt aus einer neuen Perspektive zu sehen – das sind Eindrücke, die bleiben.
Qualifikation der Fachkräfte für tiergestützte Arbeit
Ein sensibler und professioneller Umgang mit tiergestützter Pädagogik erfordert Fachwissen. Im Regenbogenhaus Kriele verfügen die Mitarbeitenden über entsprechende Zusatzausbildungen und langjährige Erfahrung. Sie kennen sowohl die Bedürfnisse der Tiere als auch die Anforderungen an einen sicheren, entwicklungsfördernden Einsatz im pädagogischen Alltag.
Dazu gehört auch, die Tiere als eigenständige Wesen mit individuellen Bedürfnissen zu respektieren. Pausen, Rückzugsmöglichkeiten und regelmäßige tierärztliche Betreuung sind selbstverständlich. Denn nur ein gesundes, ausgeglichenes Tier kann ein stabiler Partner im pädagogischen Prozess sein.
Natur als erweiterter pädagogischer Raum
Die tiergestützte Pädagogik im Regenbogenhaus Kriele entfaltet ihre Wirkung nicht zuletzt auch deshalb so stark, weil sie eingebettet ist in ein naturnahes Lebensumfeld. Das Haus liegt in ländlicher Umgebung, mit viel Platz für Tiere, Gärten und Bewegungsräume im Freien. Diese Verbindung zur Natur verstärkt die heilsame Wirkung der tiergestützten Ansätze.
Kinder erleben sich nicht nur als Teil einer sozialen Gruppe, sondern auch als Teil einer natürlichen Umgebung. Sie lernen Kreisläufe kennen, übernehmen Verantwortung im Garten, beobachten Tiere und Pflanzen. Diese Erfahrung von Verbundenheit mit der Natur ist ein wertvoller Ausgleich zur oft entfremdenden Realität ihres bisherigen Lebens.
Tiergestützte Pädagogik als Brücke zur Welt
Im Kern geht es bei der tiergestützten Pädagogik im Regenbogenhaus Kriele darum, den Kindern wieder Zugang zur Welt zu ermöglichen – über die Beziehung zu einem Tier. Tiere können Brückenbauer sein, wo Sprache versagt. Sie ermöglichen Berührung, wo sonst Distanz herrscht. Sie fordern Rücksichtnahme, wo bisher Aggression dominierte.
Das Regenbogenhaus Kriele nutzt dieses Potenzial auf besonders authentische und konsequente Weise. Die Tiere sind Teil der Gemeinschaft, nicht bloß pädagogisches „Werkzeug“. Sie leben mit, wirken mit – und verändern das Klima des Hauses. Für die Kinder sind sie oft der erste Schritt in ein neues Leben.